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Der Englische Garten – Teil 2: Der englische Landschaftsgarten

  • 26. November 2012
  • Birgit Fischer-Radulescu

Der englische Landschaftsgarten ist wohl die bekannteste englische Gartenform. Dabei sollte man aufgrund der Dimensionen eher von Landschaftsparks als von Landschaftsgärten sprechen, denn ein echter Landschaftsgarten benötigt zuerst einmal eines: viel Platz.

Historisch gesehen ist der englische Landschaftsgarten im 18. Jahrhundert entstanden. Um 1720 fand eine totale Abkehr von der bisher vorherrschenden Gartenkunst statt: An die Stelle der geraden Linien der Renaissance- und Barockgärten trat nun die geschwungene Linie der Natur. Man wollte arkadische Landschaften schaffen, die ihre Vorbilder in der Landschaftsmalerei von Nicolas Poussin und Claude Lorrain hatten. Die Landschaft sollte also eigentlich nicht möglichst nahe an der Natur sein, sondern an einem Idealbild, das sich die Menschen damals von der Natur machten. Kein Quadratzentimeter eines Gartens blieb unbearbeitet, nichts wurde dem Zufall überlassen, die „Natur“ war sauber und ordentlich. Um dem Idealbild möglichst nahe zu kommen, wurden klug durchdacht riesige Erdmassen bewegt: Was an einer Stelle ausgehoben wurde, wurde an anderer zielgerichtet wieder eingebaut. Seen wurden ausgehoben. Hügel aufgeschüttet. Ganze Armeen an Bäumen gepflanzt. Einen Landschaftsgarten zu verwirklichen war ein teures Unternehmen, das sich nur reiche Landbesitzer leisten konnten, die oft auch professionelle Gartenarchitekten engagierten. Die bekanntesten unter diesen Gartenarchitekten waren William Kent, Lancelot „Capability“ Brown und Humphry Repton. Zu den berühmtesten Parks gehören Stowe, Stourhead, Blenheim Palace oder etwa Petworth, um nur einige zu nennen.

Die neue Mode wurde so beliebt, dass fast alle barocken Gärten in Großbritannien umgestaltet wurden. Auch faßte sie in anderen Teilen der Welt Fuß: in Deutschland, Rußland, Holland, Österreich wurden Landschaftsgärten nach englischem Vorbild geschaffen.

stowe-mai-2006-038 Stowe Garden – Sanft geschwungenes (modelliertes) Gelände

Typisch für den englischen Landschaftsgarten sind die sanft modellierten Wiesen und Seen vor dem Hintergrund von Wäldern, Hainen und Baumgruppen (den sogenannten „clumps of trees„). Blüten in Form von Stauden und Sommerblumen findet man im Landschaftsgarten nicht, auch Sträucher gehören nicht ins Idealbild dieser Landschaft.

StourheadStourhead – Geschwungene Uferlinie

In Bezug auf die Formensprache gesehen wird die gerade Linie – wie bereits erwähnt – abgelehnt. Spazier- und Fahrwege verlaufen in geschwungenen Linien und führen dabei gezielt von einer Blickbeziehung zur nächsten. Gibt es einen Rundweg, so ist dieser gegen den Uhrzeigersinn zu begehen, um die vom Gartenarchitekten intendierten Aussichtspunkte und Blickbeziehungen auch tatsächlich wahrnehmen zu können. Blickbeziehungen, Sichtachsen und Aussichtspunkte stellen so das zweite wichtige Prinzip des Landschaftsgartens dar. Dies ist naheliegend, wenn wir uns daran erinnern, dass die Landschaft ja einer Abfolge von Bildern gleich sein sollte: Diese sind eben jeweils von einem bestimmten Punkt aus betrachtbar und tauchen oft unvermutet hinter einem clump oder einer Wegeskurve auf.

Während meiner Zeit in England ist mir dieses Prinzip nicht nur in der Gartengestaltung auf Schritt und Tritt begegnet. Auch in der offenen Landschaft sind die Briten sozusagen Meister im Verstecken von unschönen Dingen und im Sichtbarmachen von Pittoreskem. Der Schutz des Landschaftsbildes hat einen völlig anderen Stellenwert als bei uns. Wird etwa ein Steinbruch vergrößert, so werden für die Bewilligung endlose Sichtstudien von allen erdenklichen Positionen durchgeführt, um sicherzugehen, dass das Landschaftsbild nicht beeinträchtigt wird und der Steinbruch von keinem Wanderweg, von keiner Straße und von keinem Haus aus gesehen werden kann.

stowe-mai-2006-027 Stowe Garden – Blick über die Wasserfläche zur Palladiobrücke

Wasser stellt ein weiteres unverzichtbares Element jedes Landschaftsgartens dar. So wurden zuerst vor allem künstliche Seen angelegt, entweder ein einzelner großer oder manchmal auch eine Abfolge mehrerer kleinerer Seen. Durch geschicktes Anordnen der clumps und groves täuschte man dann den Spaziergängern auf den Wegen vor, es handle sich um eine einzige riesige Wasserfläche. Wasserfälle und Grotten wurden erst später eingeführt – der wilde Charakter dieser Elemente sprach erst die Romantiker wirklich an. Natürlich führten auch Brücken über die Seen und Bäche, um auch von dieser Position aus den Garten wahrnehmen und genießen zu können. Bekannt ist zum Beispiel die Palladiobrücke in Stowe Garden.

stowe-mai-2006-012 Stowe Garden – Palladiobrücke

Neben Brücken gab es auch noch andere sogenannte Eyecatcher. Follies – erst klassizistisch, z.B. in Form griechischer Tempel, später dann aber auch im neogotischen Stil oder als künstliche Burgruinen – wurden an besonderen Punkten, etwa auf leichten Anhöhen, errichtet. Kleine pittoreske Gebäude, die vor allem dazu da waren, als Eyecatcher das Ende einer Sichtachse zu markieren und zusammen mit den einrahmenden Bäumen und einem vielleicht davor liegenden See ein idyllisches Bild zu schaffen.

stowe Stowe Garden – Blick auf neogotisches Folly

Ein weiteres typisches Element des Landschaftsgartens entstand aus dem Wunsch heraus, die Landschaft ohne optische Barriere bis an das Haus reichen zu lassen. Da man irgendwie das weidende Vieh vom Haus fernhalten mußte, wurde das ha-ha entwickelt. Das ha-ha war ein Graben, der den Hausnahen Bereich vom Garten trennte. Für gewöhnlich ist dieser Graben auf einer Seite senkrecht mit einer Stützmauer versehen, die andere Seite ist eine mit Rasen bewachsene Böschung. So konnte das Vieh abgehalten werden, vom Haus aus aber wurde die Barriere nicht gesehen. Gleichzeitig gewährleistete das ha-ha eine gute Aussicht zur Betrachtung des Gartens. Aus der Tatsache heraus, dass der Graben erst zu sehen ist, wenn man direkt davor steht, entstand auch die Bezeichnung A-ha oder ha-ha – als Ausdruck des Erstaunens und der Überraschung sozusagen. In Frankreich wurde dieses Element auch Wolfssprung genannt.

1383679_4da4e41c Ha-ha (Photo by Andy F – www.geograph.org.uk/photo/1383679)

Der englische Landschaftsgarten blieb lange Zeit in Mode, veränderte sich jedoch im Laufe der Zeit auch etwas. Im frühen 19. Jahrhundert wurde der Stil zusehends wieder ornamentaler („gardenesque„): shrubberies (Bereiche mit Ziersträuchern), exotische Gehölze, aber auch Stauden und Sommerblumen fanden ihren Weg in die Gärten, wenigstens im nahen Umfeld des Gebäudes.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Bereiche in Hausnähe im Zuge der Arts and Crafts-Bewegung zusehends wieder geometrischer und formaler angelegt. Sissinghurst und Hidcote Manor Garden, die bereits im Zusammenhang mit dem Thema Cottagegarten genannt wurden, lassen sich auch hier einreihen.

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