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Der Englische Garten – Teil 1: Einführung / Der Cottage Garden

  • 12. November 2012
  • Birgit Fischer-Radulescu

Wenn es um Gärten und Stilrichtungen geht, wird oftmals der Stil des „Englischen Gartens“ genannt. Doch ein englischer Garten – was ist das eigentlich genau? Gibt es DEN „Englischen“ Garten überhaupt? Und wenn ja, was kennzeichnet ihn und was unterscheidet ihn von anderen Gärten?

Während meines Arbeitsaufenthaltes in England durfte ich mich sozusagen von Angesicht zu Angesicht mit dem Thema „Englischer Garten“ beschäftigen. Ich tauchte direkt in die Atmosphäre der englischen Gartenkunst ein und lernte aus erster Hand, wie ein Garten in England aussehen kann und soll.

Üppige Vegetation im Cottagegarten Üppige Vegetation im Cottagegarten

Um gleich eine der eingangs gestellten Fragen zu beantworten: Eine Definition für „der Englische Garten“ gibt es nicht. Und doch sind da gewisse Elemente, Regeln, Eigenschaften, die auf den britischen Inseln einen guten Garten ausmachen und dementsprechend eingesetzt werden.

Beschäftigt man sich mit Gärten in England, ist man mit unterschiedlichen Gartentypen konfrontiert: Am bekanntesten sind wohl die Begriffe Landschaftsgarten, formaler Garten und Cottage Garden. Daneben gibt es aber auch noch andere Formen, die in England von Bedeutung sind, wobei mir persönlich der Woodland Garden und der Back Garden bzw. der kleine Stadtgarten besonders am Herzen liegen. Nicht, dass sich jeder Garten einer dieser Kategorien zuordnen ließe, auch sind die Übergänge natürlich fließend und schließlich gibt es auch andere Möglichkeiten der Kategorisierung. Aber die eben genannten Typen repräsentieren relativ gut das, was wir Kontinentler vor Augen haben, wenn wir an englische Gärten denken.

Hicote Manor Hidcote Manor

Es gibt keinen wirklichen Konsens, was genau ein Cottage Garden ist. Auch wird in England selbst eher von „traditional garden“ als von Cottage Garden gesprochen. Ursprünglich handelte es sich um einen zu einem Cottage gehörenden Garten, der als reiner Nutzgarten angelegt war. Hier wurden Gemüse, Obst und Kräuter angebaut, die die Bewohner der Cottages zum Überleben notwendig hatten. Völlig unromantisch also – und doch verbinden wir heute mit dem Begriff eine hochromantische Idylle: Cottagegarten ist nicht gleich Cottagegarten, könnte man sagen. Denn die ästhetische Interpretation desselben wurde nicht von einfachen Cottagebewohnern entwickelt, sondern im 19. Jahrhundert von Gartenarchitekten für wohlhabende Grundbesitzer, die sich ein verstecktes romantisches Landhäuschen bauen ließen. Neben den obligaten Gemüsebeeten haben auch Stauden, Rosen und Gehölze in den Cottage Garden Einzug gehalten. Der Garten wurde so zum Freizeitobjekt – wenn auch zu einem sehr arbeitsintensiven.

Prinzipiell ist der Cottagegarten das Gegenteil eines formalen Gartens, insbesondere, wenn es sich auch in Bezug auf die Größe tatsächlich um einen kleinen Garten bei einem kleinen Häuschen handelt. Doch größere Cottagegärten haben ein durchaus regelmäßiges, rechtwinkliges Grundgerüst aus einzelnen Gartenzimmern, die durch meist geschnittene Hecken und Mauern voneinander abgegrenzt sind. Zwischen diesen Grenzen herrscht jedoch höchst subtile Unordnung, die gezielt gefördert wird. Kultivierte Nachlässigkeit gibt so dem Garten den typischen Cottage-Garden-Charakter: Ungekünstelt ist wohl das Wort, das einen Cottagegarten am besten beschreibt.

Gepflegte Wildnis – Üppige Stauden

Neben dem „unordentlichen“ Einsatz des Materials ist auch die Auswahl desselben von großer Bedeutung. Für Mauern wählt man Ziegel oder gebrochene Natursteine, in deren Ritzen Flechten und Moose Fuß fassen können. Die Vegetation bricht so das harte Bild des Steines und lässt das anorganische Material zum Leben erwachen. Die Farbigkeit der Steine ist regional verschieden und gibt den Gärten jeder Region einen eigenen Charakter. Bekannt ist zum Beispiel das Gelb der Cotswolds, das dem Garten eine gewisse Wärme verleiht. Auch ist eine andere Kieskörnung üblich, als man in Mitteleuropa gewohnt ist. Auch diese andere Textur macht einen Teil des typischen Charakters aus.

Wo statt Kies Plattenbeläge aus Naturstein eingesetzt werden, wählt man möglichst unregelmäßige Plattenformate aus – eventuell auch mit unregelmäßig gebrochenen Kanten – und lässt breite Fugen offen, die nach und nach mit Kräutern oder Rasen zuwachsen. Auch der Übergang zwischen Weg und Beet wird möglichst locker aufgelöst. Die Vegetation ragt immer wieder über den Belag, der langsam von der Seite her überwuchert wird: Auch hier schlägt wieder die kontrollierte Unordnung zu.

Daneben werden vor allem organische Materialien eingesetzt, die durch den Alterungsprozeß immer schöner werden. Holz beispielsweise darf würdevoll silbergrau werden. Es wird nicht mit Holzfarben nachahmenden Lasuren eingelassen und konserviert, sondern unbehandelt verwendet. Dafür muss natürlich Holz höherer Qualität eingesetzt werden – dies ist überhaupt ein Kennzeichen englischer Gärten: Alles wird auf höchstem Niveau betrieben!

Selbst für Kieswegeeinfassungen – so diese vorhanden sind – werden Holzbretter eingesetzt, die, wenn notwendig, auch kunstfertig in Form gebogen werden.

Naturstein: Belag – Mauer – Belag

Doch der Star des Cottagegartens ist eindeutig die Vegetation. Vielfältig, üppig, wuchernd, aber sorgfältig aufeinander abgestimmt steht da Staude neben Rose neben Kraut neben Gemüsepflanze. Der vielgerühmte englische Rasen hat in dieser Gartenform streng genommen einen eher geringeren Stellenwert, oft fehlt er ganz. In großen Gartenanlagen läßt man – so man den Platz dafür hat – eine Wiese wachsen und mäht an notwendigen Stellen einzelne Rasenwege hinein. In weniger extremer Ausformung gibt es aber sehr wohl auch einen Rasen, der von Pflanzbeeten eingefaßt wird, deren Vorderkante oft eine organisch schwingende Form hat. Bei den Übergängen zwischen Rasen und Beeten oder Wegen zeigt sich noch ein typisches Detail englischer Gärten: die gestochene Rasenkante. Wege werden in England etwas tiefer gelegt als die angrenzende Rasenfläche – in deutschsprachigen Ländern ist dies aus entwässerungstechnischen Gründen umgekehrt. Wird der Weg nicht mit Holz eingefasst, so wird die Kante des Rasens immer wieder mit einem Rasenkantenstecher in Form gestochen. Die Kante wirkt dadurch locker aber trotzdem gepflegt. Denn bei aller Unordnung – auch ein Cottagegarten benötigt sorgfältige Pflege!

Allgemein sollten in einem Cottagegarten vor allem altmodische Pflanzen wachsen. Auch wird Wert darauf gelegt, möglichst alte Sorten einzusetzen, nicht nur bei Obst und Gemüse, auch bei Kräutern oder Stauden.

Die Rose ist vielleicht die wichtigste Pflanze im Cottagegarten. Nicht jedoch die modernen Hybridzüchtungen haben den „richtigen“, lockeren Wuchs, sondern alte Strauch- und Ramblerrosen. Zu den typischen Cottagegartenrosen zählen Rosa gallica, Damaszener-Rose, Alba-Rose und Provence-Rose. Die Rosen werden nicht von anderen Pflanzen getrennt, sondern in gemischten Beeten angepflanzt. Oft läßt man Kletterpflanzen wie z.B. Clematis in die Sträucher hineinwachsen. Für Kletterpflanzen dürfen aber auch Konstruktionen wie Bögen oder Pergolen nicht fehlen.

Hecken dienten ursprünglich zur Begrenzung des Gartens, als Schutz vor Eindringlingen. Gleichzeitig wurden aber auch Blätter und Früchte genutzt, z.B. von Holunder und Weißdorn. Heute werden jedoch auch rein ornamentale Gehölze eingesetzt.

Garten von Brenda Colvin, Filkins: Frühlingsblüher in der Wiese

Auch Stauden und Kräuter wurden ursprünglich zu Haushaltszwecken eingesetzt, heute steht aber wohl gerade bei Stauden vor allem der ästhetische Wert im Vordergrund. Farblich können Cottagegärten sehr bunt sein – dies aber durchaus mit Maß und Ziel. Bei größeren Gärten wird meist raumweise ein Farbkonzept entwickelt, man denke etwa an den weißen Garten in Sissingurst.

Nicht zuletzt gehören natürlich auch Obstbäume und -sträucher in jeden Cottagegarten. Streuobstwiesen bei größeren Gärten, einzelne Apfelbäume bei kleineren, Obstspaliere an Südwänden – es gibt viele Möglichkeiten, Obst in den Garten zu integrieren.

Alles in allem zeigt sich, dass das Schwelgen in Farben und Formen einerseits und ein bestimmter Materialeinsatz und entsprechende Detaillösungen andererseits die essentiellen Bestandteile eines englischen Cottage Gardens ausmachen. Das Leitmotiv – die kultivierte Unordung – darf dabei niemals aus den Augen gelassen werden. Der Cottagegarten mag auf viele altmodisch, antiquiert und vielleicht sogar spießig wirken. In Wahrheit jedoch ist er ein kunstvolles Spiel mit der Natur, das auf höchstem ästhetischen Niveau auch alte Pflanzensorten bewahrt und durch die Verwendung von Naturmaterialien einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leistet.

Nächste Woche: Der englische Landschaftsgarten

Weitere Informationen zum Thema finden Sie hier:

Wikipediaartikel „Cottage Garden“
Sissinghurst Castle
Hidcote Manor
Gertrude Jekyll
William Robinson

Brenda Colvin

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